KOMMERN. Hinter der „Ehrenpforte“ lauert ein Skelett mit Gewehr

Artikel von Wochenspiegel Online von Paul Düster
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Geschichte transparent und verständlich darzustellen, ist nicht einfach. Was das Team des LVR-Freilichtmuseums in Kommern um Dr. Josef Mangold und Sabine Thomas-Zeigler aber in den frisch renovierten Räumlichkeiten der Ausstellungshalle „Neue Pfalz“ mit dem Verbundprojekt „1914 – Mitten in Europa“ mit der Ausstellung „Kriegs(er)leben im Rheinland – Zwischen Begeisterung und Verzweiflung“ auf die Beine gestellt hat, ist ausgesprochen sehenswert. Unterstützt wurde das Projekt vom Förderverein des Museums und der NRW-Stiftung die 100000 Euro zusteuerte.

KOMMERN. In neuem Glanz erstrahlt die Ausstellungshalle „Neue Pfalz“ nach ihrer aufwendigen Renovierung im LVR-Freilichtmuseum Kommern. Nun wurde sie mit Leben gefüllt. Die Ausstellung „Kriegs(er)leben im Rheinland – Zwischen Begeisterung und Verzweiflung“ wird sicherlich einer der meistbesuchen Ort im Kommern Museum werden. Dabei spielen die Aufzeichnungen des Großbüllesheimers Anton Keldenich eine gewichtige Rolle.
Während der Kriegstage hat Keldenich nicht nur Tagebuch über sein Leben als Maler und Soldat geführt, sondern auch immer wieder Skizzen und Bilder zu dieser Zeit angefertigt. Seine Aufzeichnungen und damit auch die Ausstellung beginnen im Juli 1914. Am 1. August sollte in seinem Wohnort Großbüllesheim offiziell ein neuer Bahnhof eingehweit werden. Aber aus der großen Feier zu der Keldenich, der 1874 in Wüschheim geboren wurde, die Festlaudatio halten sollte, wurde nichts. Dem am 1. August 1914 trat Deutschland in den ersten Weltkrieg ein. Ein Jahr später im August 1915 wurde Anton Keldenich zum Wehrdienst einberufen. Seine regelmäßig geführten Aufzeichnungen geben Einblicke in das Leben der ländlichen Bevölkerung während der Kriegsjahre und dem Leben an der Front.
Die Ausstellung wird durch viele Touchscreens mit Bildern aus dem Fundus des Nachlasses von Anton Keldenich untermalt. Details wurden durch das Museumspersonal sehr authentisch nachgebaut und darauf ist Museumsleiter Dr. Josef Mangold sehr stolz: „Fast 90 Prozent der neuen Ausstellung wurden von unserem Handwerkerteam gebaut.“ Dass den Eingangsbereich der Ausstellung nicht von ungefähr eine Szene des Großbüllesheimer Bahnhof ziert, kommt nicht von ungefähr. „Bahnhöfe waren zu der Zeit ein wichtiger Punkt im Leben der Menschen. Dort erfuhr man Neuigkeiten von den Reisenden und von diesen Plätzen an den Gleisen erfolgte auch die Mobilmachung für den Krieg“, erklärt Sabine Thomas-Ziegler, Kuratorin und Leiterin der Ausstellung die Wichtigkeit der Bahnhöfe in dieser Zeit.
Neben dem Großbüllesheimer Bahnhof werden auch der Euskirchener Bahnhof und Szenen aus Charleville-Mézières, der französischen Partnerstadt von Euskirchen und Köln gezeigt. Neben den Touchscreens informieren überall Monitore über Szenen aus dem Jahr 1914 in Form eines Newstickers. Sequenzen aus dem Rosenmontagszug in Köln oder der Besuch des deutschen Kaisers Wilhelm am Deutschen Eck in Koblenz sind zu bewundern.
Ein absolutes Highlight der Ausstellung ist ein Oldtimer aus dem Jahr 1909. Der unrestaurierte Scheunenfund, ein in Amerika hergestellter „Overland“, spielt in der Kriegsgeschichte aus dem Rheinland eine gewichtige Rolle. Mit drei dieser Gefährte waren Euskirchener Honoratioren auf dem Weg an die Front aufgebrochen, um ihren Soldaten sogenannte „Liebesgaben“ zu bringen. Sie hatte die Fahrzeuge mit Zigaretten, Zigarren, Schokolade und warmen Unterwäsche beladen. Sicherlich stand nicht nur die gute Tat im Vordergrund sondern auch ein gewisser Reiz an Abenteuer. Neben den gemalten Bildern von Anton Keldenich sind auch Fotografie und die dazugehörigen Kameras in der Ausstellung zu sehen.
Der Eifeler Bäckermeister Peter Rodert war mit seinen beiden Plattenkameras hinter der Front unterwegs und suchte dabei nicht die Kampfszene als Motiv, sondern er fotografierte das Leben der Soldaten an der Front – die Notbäckerei, Landschaften oder Wachposten an der Frontlinie waren seine Motive. Viele Exponate hat das LVR-Freilichtmuseum in Kommern zusammen getragen, Pickelhaube oder die komplette Ausrüstung eines Soldaten sind genau so zu bestaunen wie ein nachgebauter Schützengraben mit einem damals eingesetzten Mehrladegewehr Mauser 98. Das Leben mit der Religion und den Verletzten in den Sanitätslägern wird genau so beleuchtet wie das das Leben der Frauen und Kinder in der Eifel und dem Rheinland während dieser Zeit.
Zum krönenden Abschluss der Ausstellung geht es durch eine „Ehrenpforte“, die damals für die heimkehrenden Soldaten aufgebaut wurde. Dahinter folgt dann die Ernüchterung: Auf einer Skizze von Anton Keldenichs ist ein grinsendes Skelett hinter einem Maschinengewehr zu sehen. Der Krieg hatte nicht nur 17 Millionen Menschenleben gekostet, sondern auch viele Seelen aufgefressen.
Mit 100000 Euro unterstützt die NRW-Stiftung die Ausstellung: „Ohne diesen Zuschuss hätten wir diese Ausstellung nicht auf die Beine stellen können,“ erklärt Mangold. „Wir sind seit 25 Jahren mit dem Freilichtmuseum in Kommern verbunden. Ich finde das Geld in dieser Ausstellung bestens angelegt“, erklärt Prof. Dr. Wolfgang Schumacher (Vizepräsident der NRW-Stiftung). Die Ausstellung ist vom 29. Juni 2014 bis zum 18. Oktober 2015 im LVR-Freilichtmuseum Kommern zu sehen. „Danach werden wir Teile davon in der Ausstellung „Wir Rheinländer“ integrieren“, erklärt Museumsleiter Dr. Josef Mangold. Gleichzeitig zur Ausstellung ist ein 172 Seiten starker Katalog mit dem Titel „Kriegs(er)leben im Rheinland erschienen. Weiter Infos zur Ausstellung findet man im Internet unter: www.rheinland1914.lvr.de

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